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Phantom Fremdes Wien

ein Film von Lisl Ponger

DOKUMENTARFILM | 1991 | Österreich | 27 min | Deutsch | Farbe | 35 mm (Blow Up Super 8)

  • Info
  • Besetzung & Crew
  • Festivals & Preise
  • Biographie
In den Jahren 1991 und 1992 hat Lisl Ponger im Zuge einer multikulturellen Weltreise, bei der sie die Stadt Wien doch nicht verlassen hat, mit viel Akribie Super 8-Aufnahmen von Festen, Hochzeiten und Tänzen gesammelt. Ging es ihr zunächst um eine Sichtbarmachung von im öffentlichen Stadtbild schlichtweg nicht existierender kultureller Vielfalt, so stellt der Rückgriff darauf - aus gut zehnjähriger Distanz - gerade diesen Akt der Visualisierung wieder in Frage. "Was sehe ich eigentlich?", heißt es an einer Stelle des von Ponger selbst gesprochenen Off-Kommentars, und nicht nur daran wird deutlich, wie bewusst sich der Film der Problematik des Umgangs mit dem "Ethnischen" ist. Scheint doch in jedem Akt der Sichtbarmachung unweigerlich die Tendenz mit angelegt zu sein, auch das Flüchtige und Diasporische in ein fixes, stereotypes Bild zu bannen. Dabei inszeniert Ponger mehrfach doppelbödig: In Form von Tagebucheintragungen weist sie die Begegnungen mit dem Multikulti-Wien der frühen neunziger Jahre als zutiefst subjektiv aus - jeder Form von objektiver Kategorisierung wird von Anfang an eine Absage erteilt. Gleichzeitig macht sie sich mit Bravour auf die diskursive Suche nach möglichen Ordnungskriterien, die dem Karnevalesken und Überbordenden dieser Bilder irgendwie gerecht werden und gleichzeitig dem Film eine Struktur geben könnten. Selbstreflexiv und ironisch spielen der Kommentar und der darauf abgestimmte Schnitt allerlei Kategorien durch, von äußerlichen Faktoren (Chronologie der Aufnahmen) über thematische Bezüge (Kulturgeografie) bis hin zu Formfragen (Farben, Licht-Schatten-Verhältnisse, Film-Ton) und nicht zuletzt - "sich selbst erklärenden Kategorien" (ein als Weihnachtsmann verkleideter Finne). Die Selbsthinterfragung mündet schließlich in ein permanentes (selbstkritisches) Abschweifen, mit der jegliches "Framing" des Fremden hier letztlich ad absurdum geführt wird. Gleichzeitig breitet sich unter dem ständigen Gleiten und Entgleiten der Kategorien ein weites, differenziertes Formenspektrum aus (Tänze, Bewegungen, Kleidung, Masken, etc.) - eine konsequente "Spektralisierung", die das Phantom weder greifbarer noch gefügiger macht. Text: Christian Höller Ein taiwanesisches Tanzfest, ein nigerianischer Erntedank, eine türkische Hochzeit, der Staatsfeiertag der Elfenbeinküste, ein thailändisches Neujahr, ein Treffen der Roma, ein Saufgelage unter Tschechen: Nahezu jedes Land, jede Kultur, jede Ethnie ist in einer mitteleuropäischen Großstadt wie Wien vertreten, verfügt über Formen und Konventionen der Zusammenkunft und der Bewahrung von Identität. Die Menschen treffen einander in Kongresshallen und Hinterzimmern, in Restaurants und Gotteshäusern. Lisl Ponger hat in den Jahren 1991-92 eine systematische Suche nach dem "Fremden Wien" unternommen. Über ihre Begegnungen hat sie ein Tagebuch geführt. Elf Jahre später schneidet sie aus ihrem Material einen Film, in dem die Ergebnisse ihrer teilnehmenden Beobachtung (meistens mit einer Super-8-Kamera, manchmal nur mit einem Tonaufnahmegerät) nach verschiedenen Kategorien geordnet werden: Visuelle wie technische wie "anthropologische" Motive spielen eine Rolle. Aus dem Off spricht die Filmemacherin über ihre Ordnung der kulturellen Dinge, die sich als fundamental "zusammengesetzt" erweist: Ein Mönch schlägt die Trommel, ein Fluß rauscht, das Bild und der Ton entstammen unterschiedlichen Feldern. Phantom Fremdes Wien ist die Dekonstruktion geläufiger "Völkertafeln": Nicht die charakteristische Geste, das typische Kostüm, das unverwechselbare Musikstück stehen im Zentrum (der Beweis für die Essenz einer Gruppe), sondern die vielfältigen Formen des Übergangs und der Montage. Repräsentation wird zu einem offenen Prozeß, das fremde Wien bleibt - bei aller Nähe - ein Phantom. Text: Bert Rebhandl

Regie: Lisl Ponger
Preise:
Golden Gate New Vision Award
San Francisco International Film Filmfestival 2005


Festivals:
Dissolvenze Film Festival Gradisca Sonderprogramm "Amour Fou Pour Vous" 30.11. - 4.12.2005
San Francisco 2005, 
San Francisco International Film Filmfestival, Golden Gate Awards, 21.4. - 5.5.2005
Paris 2005 - 27th International Film Festival Cinéma du Réel, Spezialprogramm "Détour", 4. - 13.3. 2005
Rotterdam 2004 - 33rd International Film Festival, 21.1. - 1.2.2004
Diagonale 2004 (orig.) - Festival des österreichischen Films, 3. - 7.3.2004 
Marseille 2004 - Festival International du Documentaire, 2. - 7.7.2004 
Melbourne 2004 - 53rd International Film Festival, 21.7. - 8.8.2004 
Neubrandenburg 2004 - dokumentART, 5. - 10.10.2004 
Montréal 2004 - Festival International Nouveau Cinéma Nouveaux Médias, 14. - 24.10.2004 


Lisl Ponger

geb. 1947 in Nürnberg

lebt und arbeitet in Wien
visual artist - photography and film

Studium an der School of Graphic Arts in Wien, Photographie Klasse

Gastprofessur für künstlerische Fotografie an der Hochschule für Angewandte Kunst, 1998/99 und 2001/02


Auszeichnungen

2005 Golden Gate New Vision Award – San Francisco International Filmfestival
2003 Preis für Bildende Kunst Land Niederösterreich
1994 Staatspreis für Filmkunst
1988 Staatspreis für Junge Filmemacher


Photographie

Einzelausstellungen

2004 Galerie Charim, Wien
2004 Dak’art Off Dakar, Senegal
2004 Wien Museum, Karlsplatz 
2001 AK Galerie, Wien
1999 Ethnographisches Mueseum Genf
1998 Central Saint Martins Art School, London 
1996 Museum für Völkerkunde, Wien
1993 Kunsthalle Exnergasse, Wien


Gruppenausstellungen (Auswahl)

2005 Kölnischer Kunstverein
2005 Galerie Charim, Wien
2005 State of the Art, SoS Embassy, Wien
2005 Police, Landesgalerie, Linz
2005 Reisen ins Paradies, Kunsthalle Erfurt
2005 Jetzt ist er bös - Der Tennenbaum-Versuch über die 2.Republik und ihre Juden, Jüdisches Museum Wien
2005 Das Neue II. Atelier Augarten, Wien
2005 Die Regierung, Secession, Wien
2005 Zone 2005, IG Kunst, Wien
2004 Ethnic Marketing, Centre d’art contemporain, Genf
2004 Nomads & Residents, BAK, Utrecht
2004 Black Atlantic, House of Cultures, Berlin
2004 Minority Report, Aarhus, Dänemark
2004 Formate, MNAC, Bukarest 
2004 Shake, OK, Linz
2004 Shake,Villa Arson, Nizza
2004 Trading Places, Pumphouse Gallery, London
2004 Gegenpositionen, Museum für moderne Kunst, Passau
2004 Tour-ism, Tapies Foundation, Barcelona
2004 Salzburger Kunstverein mit Destiny Deacon
2003 The Bourgeois Show, Dunkers Kulturhus, Helsingborg, Schweden
2003 Künstlerinnen 1945-2000, Kunsthalle Krems
2002 Organisational Forms, Galerie Skuc, Ljubljana
2002 Routes, Steirischer Herbst, Grazer Kunstverein
2002 Double Bind, ATA Galerie, Sofia 
2002 Documenta XI, Kassel
2001 Du bist die Welt, Künstlerhaus Wien


Filmographie

2004 Phantom Fremdes Wien
1999 Dejá-vu
1996 Passagen
1990 Semiotic ghosts
1988 Train of recollection
1987 Substantial shadows
1986 Sound of space
1985 Container-contained
1984 Tendencies to exist
1983 Film - an exercise in illusion II
1982 Souvenirs
1981 The four corners of the world
1980 Film - an exercise in illusion I
1980 Lichtblitze
1979 Space equals time-far freaking out


Film Shows, Screenings und Festivals (Auswahl)

2005 One World International Film Festival, Prag
2005 48th San Francisco International Film Festival 
2005 Cinéma du Réel, Centre Pompidu, Paris 
2004 Film Festival Uppsala
2004 Film Festival Montréal
2004 Impact Festival, Utrecht
2004 Melbourne International Film Festival
2004 Film Festival Marseille
2004 International Film Festival Rotterdam
2004 Diagonale Graz
2004 Kunstverein München 
2003 Mousonturm Frankfurt
2002 Edith-Ruß-Haus für Medienkunst, Oldenburg
2002 Centre de Cultura Contemporanea, Barcelona
2002 Es Asalah Festival, El Arish, Ägypten
2002 Kunsthalle Wien
2002 Tugboat film, New York
2001 Cineprobe - An evening with Lisl Ponger, MoMA New York
2000 Dokumentarfilmfestival Duisburg
2000 Internationales Dokumentarfilmfestival München
1999 Visions du Réel, Nyon
1995 Anthology Filmarchives, New York
1992 Bilbao Film Festival
1988 Exit Art, New York
1987 USA & Canada Tour, New York, San Francisco, L.A.
1986 Internationale Kurzfilmtage Oberhausen
1985 Museum des 20. Jahrhunderts, Wien
1985 The Kitchen, New York
1984 Österreichische Filmtage Wels
1982 Akademie der Bildenden Künste, München
1982 Kunstmuseum Luzern
1981 Forum Stadtpark, Graz
1980 Stampa, Basel
1980 Forum für aktuelle Kunst, Wien
1980 Österreichische Filmtage, Kapfenberg
1979 Filmmuseum Wien


Bibliograpie & CDs

2004 CD ImagiNative, Research as artistic strategy, Lisl Ponger & Tim Sharp, HKW, Berlin
2004 Phantom Foreign Vienna, Wieser Verlag 
2000 Photographs Katalog mit Texten von Christian Kravagna & Tim Sharp 
1995 Xenographische Ansichten, Wieser Verlag
1993 Fremdes Wien (out of print)
1990 Doppleranarchie, Wien 1967-72, Falter Verlag

 


Courtesy Charim Galerie, Vienna
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Sixpack Film, Vienna
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